SRF DOK: Longevity – Wie realistisch ist ein langes, gesundes Leben?

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Moderatorin Mona Vetsch und Philosoph Yves Bossot stellen sich einem einjährigen Selbstversuch: Biologisches Alter messen, Longevity-Programme ausprobieren – und am Ende fragen, was ein gutes Leben wirklich ausmacht.

Die vollständige SRF-Sendung

Die SRF DOK-Sendung «Longevity» wurde gemeinsam mit «Sternstunde Philosophie» produziert. Du kannst sie direkt in der SRF-Mediathek anschauen:

Der Selbstversuch: Messen, testen, mitmachen

Ausgangspunkt der Sendung ist eine Longevity-Konferenz in St. Moritz, wo wohlhabende Unternehmer, Wissenschaftler und Influencer diskutieren, wie Alterung zu verlangsamen ist. Mona Vetsch und Yves Bossot sind zunächst skeptisch – und lassen sich deshalb auf einen Selbstversuch ein.

In einer Longevity-Klinik in Zürich werden beide umfassend getestet:

  • Blutanalyse (sechs Röhrchen, umfangreiche Marker)
  • VO2max-Test – maximale Sauerstoffaufnahme auf dem Velo unter Volllast
  • Körperscan (DEXA) – Muskelmasse, Fettanteil, Knochendichte
  • Gentest – Risikovarianten im Stoffwechsel
  • Herzratenvariabilität (HRV) – Belastung und Erholungsfähigkeit
  • Epigenetischer Alterstest – sog. biologisches Alter

Das Ziel: Das biologische Alter bestimmen und nach einem Programm aus Supplements, Therapien und Lebensstiländerungen nach einem Jahr erneut messen.

Die Menschen in der Sendung

Tanja – die überzeugte Longevity-Enthusiastin

Tanja hat ihr Leben nach dem Krebstod ihrer Mutter mit 60 komplett umgestellt. Kein Fleisch, kein Alkohol, kein Zucker. Sie trainiert täglich, besucht wöchentlich eine Longevity-Klinik (Rotlicht, Kryobad, hyperbarische Kammer, CO₂-Bad) und gibt rund CHF 15’000 pro Jahr dafür aus. Ihr biologisches Alter laut epigenetischem Test: 21,4 Jahre – obwohl sie Mitte 30 ist. Ihr Körper altert laut Test nur 0,62 Jahre pro Kalenderjahr.

Hans – der Querschnittgelähmte

Hans ist nach einem Snowboard-Unfall seit drei Monaten querschnittgelähmt – obwohl er gesund lebte und das Risiko nicht suchte. Sein Blick auf Longevity ist einer der stärksten Momente der Sendung: «Ich kann immer noch lieben, Bier trinken, Witze machen. Das Laufen macht meine Persönlichkeit nicht aus.» Seine Partnerin Madlaina besucht ihn täglich im Paraplegikerzentrum Nottwil.

Sophie – die 100-Jährige aus Luzern

Sophie lebt seit 56 Jahren allein in ihrer Wohnung, kocht täglich selbst, geht jeden Nachmittag spazieren – und verbringt jeden Sommer fünf Wochen im Zelt auf einem Campingplatz im Tessin. Ihr Rezept: «Man muss einfach auch ein Lebensding selber entwickeln. Ich kann nicht leben wie du.»

Prof. Christoph Handschin – der Wissenschaftler

Forscher am Biozentrum der Universität Basel, spezialisiert auf Training, Muskeln und Alterungsprozesse. Er bewertet die Tests und Behandlungen der Sendung nüchtern und verweist konsequent auf die tatsächliche Evidenzlage beim Menschen – nicht bei Mäusen oder Fadenwürmern.

Robert Pfaller – der Philosoph

Der österreichische Philosoph plädiert für Genuss, Feiern und die kleinen Sünden des Lebens. Beim Street-Food-Festival in Zürich isst er mit Mona Vetsch Burger, Spiessfleisch und Churros – und erklärt, warum das vernünftig ist: «Wirklich vernünftig ist man dann, wenn man sich ab und zu ein wenig Unvernunft gönnen kann.»

Die Resultate nach einem Jahr

Mona Vetsch

📊 Vorher: Biologisches Alter 5–6 Jahre über dem chronologischen. HRV zeigt chronischen Stress – auch nachts: 3 Stunden Stressphase im Schlaf.
Nachher: Biologisches Alter auf 41,1 Jahre gesunken – erstmals jünger als ihr chronologisches Alter. Gleichzeitig: Muskelmasse leicht schlechter, viszerales Fett um 50 % gestiegen. Supplements wurden nicht konsequent eingenommen.

Mona hat die Atemübungen nach Ralf Skubans Methode tatsächlich durchgehalten. Ihre Kontrollpause stieg von 12–13 Sekunden auf fast 30 Sekunden. Das Überraschende: «Irgendwann hat es wie den Schalter gekehrt. Es war nicht mehr Stress, sondern ein Geschenk.»

Yves Bossot

📊 Vorher: Biologisches Alter 43,4 Jahre (er war 41,5 Jahre alt). Muskelmasse an Armen und Beinen zu tief. Vitamin-D-Mangel durch genetisch bedingte Stoffwechselstörung.
Nachher: Brach das Supplement-Programm nach wenigen Monaten ab. «Ich spüre nichts. Ich mache es nur noch für den Film.»

Was die Wissenschaft wirklich sagt

Prof. Christoph Handschin (Uni Basel) ist der wissenschaftliche Anker der Sendung. Seine zentralen Einschätzungen zu den verschiedenen Tests und Behandlungen:

Massnahme / TestEvidenz beim Menschen
VO2max (Ausdauertest)✅ Sehr stark – korreliert mit Krankheitsrisiko, Krebsarten, neuraler Degeneration und Lebenserwartung
Muskelmasse & Körperzusammensetzung✅ Gut belegt
Muskelkraft✅ Gut belegt
Epigenetische Alters-Clocks⚠️ Schwach – drei verschiedene Tests liefern drei verschiedene Werte
Genetische Risikovarianten⚠️ Effekt meist sehr klein; Lebensstil hat 300–800× stärkeren Einfluss
Rotlichttherapie❌ Keine starke wissenschaftliche Evidenz
Hyperbarische Sauerstoffkammer❌ Keine starke wissenschaftliche Evidenz
Kryotherapie❌ Keine starke wissenschaftliche Evidenz
Anti-Aging-Supplements (NMN etc.)❌ Kein einziges Supplement mit menschlicher Wirkungsnachweis – nur Maus, Fadenwurm, Hefe

«Es gibt keine Supplements im Moment, wo es Beweise gibt, dass es etwas mit der menschlichen Alterung macht. Ich fände es schlimm, wenn man diese Dinge macht und sich dafür nicht bewegt, nicht gut ernährt, nicht schläft – weil dann ist es sicher kontraproduktiv.»

Prof. Christoph Handschin, Biozentrum Universität Basel

Was laut Forschung tatsächlich wirkt

Die Sendung macht deutlich: Die besten Longevity-Interventionen sind bekannt, günstig und unspektakulär.

  • Ausdauertraining – der stärkste einzelne Prädiktor für Lebenserwartung und Krankheitsrisiko (VO2max)
  • Krafttraining und Muskelaufbau – besonders ab 40 entscheidend
  • Ausgewogene Ernährung – viele Farben, wenig verarbeitete Produkte, genug Protein
  • Schlaf – chronischer Schlafmangel ist ein messbarer Alterungstreiber
  • Stressregulation – chronischer Stress schlägt sich direkt in epigenetischen Markern nieder
  • Soziale Beziehungen – Einsamkeit erhöht das Sterberisiko, belegt durch mehrere grosse Studien
  • Atemübungen – messbare Verbesserungen der CO₂-Sensitivität und HRV; einfach und kostenlos

Die tiefere Frage: Wie wollen wir leben?

Die stärksten Momente der Sendung sind nicht die Testergebnisse, sondern die Begegnungen: Hans im Paraplegikerzentrum, Sophie mit 100 Jahren im Zelt, Yves und Mona beim Kaffee auf dem Üetliberg.

«Das Leben muss in jedem Moment so sein, dass du sagst: Ich habe gelebt.»

Robert Pfaller, Philosoph

«Statt wie alt möchte ich werden, fühlt es mich spannender zu fragen: Wie möchte ich im Alter sein?»

Mona Vetsch, nach einem Jahr Longevity-Experiment

«Man muss einfach auch ein Lebensding selber entwickeln. Ich kann nicht leben wie du.»

Sophie, 100 Jahre alt

Das Fazit der Sendung

Die SRF DOK «Longevity» ist kein Werbefilm für Biohacking – sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was wir wirklich wissen und was wir uns nur einreden. Ihr Verdienst liegt nicht in neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern darin, sehr unterschiedliche Menschen und ihre Antworten auf dieselbe Frage zu zeigen: Was ist ein gutes Leben?

  • Viele teure Longevity-Behandlungen haben beim Menschen noch keine solide Evidenz
  • VO2max, Muskelmasse und Lebensstil sind die Faktoren mit der besten Datenlage
  • Epigenetische Alterstests liefern heute noch widersprüchliche Werte – die Aussagekraft ist begrenzt
  • Was wirkt, wissen wir schon lange – die konsequente Umsetzung ist das Schwierige
  • Ein erfülltes Leben ist nicht dasselbe wie ein langes Leben

Oder mit Sophies Worten: Man muss nicht alles optimieren. Man muss einfach etwas für sich selber schauen.

Medizinischer Hinweis: Die Inhalte auf jungbleiben.ch dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultiere immer einen Arzt, bevor du Nahrungsergänzungsmittel einnimmst oder dein Gesundheitsprotokoll änderst.

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